Praxis-Organisation

Montag, 15.01.2018

Der Elektronische Impfausweis (ELIM)

Was ist der ELIM? Lesen Sie, wie einfach ihn die MPA bei jedem Patienten erstellen kann und warum wir alle einen solchen Ausweis besitzen sollten.

Was ist der ELIM? Lesen Sie, wie einfach ihn die MPA bei jedem Patienten erstellen kann und warum wir alle einen solchen Ausweis besitzen sollten.

Im Interview mit Dr. Tobias Burkhardt (Praxis Glärnischstrasse 154, 8708 Männedorf) und Frau Olympia Tsianakas, ehemalige MPA in seiner Praxis, möchten wir Ihnen den Service von «meine Impfungen» vorstellen. Es handelt sich dabei um die elektronische, moderne Version des Impfausweises, welcher völlig papierlos von jedem Computer oder SmartPhone aus abgerufen werden kann. Nach einer kurzen Einführung geben die beiden Fachpersonen Auskunft, wie sie diesen Service effizient für ihre Patienten in der Praxis intergriert haben.

History

Im Jahr 2008 wurde die Firma Viavac GmbH, Entwicklerin der gleichnamigen Software, durch Frau Prof. Claire-Anne Siegrist von der Universität Genf gegründet. Das Ziel war es, qualitativ hochstehende Impfberatung zu betreiben. Im Jahre 2011 wurde die Webseite meineimpfungen.ch erstellt, welche auf der Software Viavac basiert. Mithilfe dieser Seite erhält der Arzt nach Erfassung der Impfdaten des Patienten kostenlos eine individualisierte Impf-Empfehlung auf Basis des jeweilig aktualisierten Schweizerischen Impfplans.

Warum sich der elektronische Impfausweis für den Hausarzt und seine Patienten lohnt, Tobias Burkhardt, Hogrefe Therapeutische Umschau (2016)

Zudem können die Patienten ihren Impfstatus jederzeit kostenlos einsehen. Neu empfohlene sowie Auffrischimpfungen können proaktiv überwacht und durchgeführt werden. Der elektronische Impfausweis soll helfen, die Durchimpfungsraten zu erhöhen und potentiell tödlich verlaufende Krankheiten zu eliminieren.

Erfahrungsbericht

Dr. Tobias Burkhardt und Frau Olympia Tsianakas erklären im folgenden Interview, wie sie gemeinsam mit minimalem Aufwand 1446 Patientendossiers innert drei Jahren erfasst haben. Pro Patient wurden durchschnittlich drei fehlende Impfungen identifiziert. Davon profitiert nicht nur der Patient selbst, sondern auch die gesamte Schweizer Bevölkerung. Nachimpfungen können gezielt durchgeführt werden, was zur Steigerung der nationalen Durchimpfungsrate führt. Multiple, unleserliche oder nicht auffindbare Impfausweise gehören in Doktor Burkhardts Praxis der Vergangenheit an.

Interview

Herr Dr. B, was war der entscheidende Auslöser, den elektronischen Impfausweis (ELIM) in Ihrer Praxis einzuführen?

Dr. B: Ich kann mich noch gut an den Fall eines siebenjährigen Mädchens aus Angola erinnern, das keinen Impfausweis hatte, als es als Asylantin in meine Praxis kam. Ich war ziemlich gefordert, anhand der verschiedenen Tabellen des Schweizerischen Impfplans herauszufinden, wie viele Starrkrampfimpfungen das Kind noch benötigte. Ich habe von einem Programm geträumt, das mir diese Fragen beantworten könnte. Als im Jahr 2013 ein Artikel über den elektronischen Impfausweis (ELIM) in der Schweizerischen Ärztezeitung erschien, habe ich für einen Monat ausprobiert, ob das etwas für meine Praxis wäre. Schon nach kurzer Zeit habe ich das Potenzial des ELIM erkannt. Sobald alle alten Impfungen aus den verschiedenen Impfbüchlein eingetragen sind, spukt das Programm den Nachimpfplan heraus. So muss ich mir nicht mehr lange überlegen, welche Impfungen ich wann verabreichen muss.

Wie sind Sie dieses Projekt angegangen und wo kam Frau Tsianakas ins Spiel?

Dr. B: Nach der Einführungsphase, in der ich die Impfbüchlein noch selbst erfasst hatte, kam Frau Tsianakas ins Spiel. Sie und ihre Kolleginnen haben die Impfbüchlein aller meiner Patienten erfasst. Ich habe die Erfassung kontrolliert und dann Frau Tsianakas den Auftrag für das Nachimpfen gegeben. Bei einer Grundimmunisierung, beispielsweise Hepatitis B, Papillomaviren oder FSME, wurden die Patienten in meine Sprechstunde bestellt. Bei Auffrisch- oder Ergänzungsimpfungen, also zum Beispiel bei einer fehlenden Starrkrampfimpfung oder der zweiten Masern-Mumps-Röteln, erhielten die Patienten einen Termin bei Frau Tsianakas. Das hat meine Sprechstunde natürlich entlastet.

Frau Tsianakas, wie darf man sich den konkreten Ablauf vorstellen?

Frau T: Bei jedem Termin, den man ausmacht, sei es am Telefon oder direkt in der Praxis, ist immer das Impfbuch zu verlangen. Sobald man das Impfbuch bekommt, kann der Patient im Wartezimmer warten und man füllt es aus. Man trägt die Personalien ein. Die E-Mail-Adresse ist wichtig, weil dem Patient per Mail ein Link zugesendet wird, den er dann bestätigen soll.

Welche Faktoren sind wichtig für eine konsequente und erfolgreiche Umsetzung in der Praxis?

Frau T: Man muss wirklich konsequent bleiben, anders funktioniert es nicht. Jeden Tag, am Telefon oder in der Praxis, muss man am Anfang immer daran denken und es kommunizieren. Mit der Zeit wird es zu einem Automatismus.

Welches waren die grössten Herausforderungen bei der Umsetzung?

Dr. B: Einerseits waren es natürlich vor allem die vielen Impfausweise. Einige davon sind zum Teil fast unleserlich. Mit der Zeit kennt man jedoch die allermeisten Namen der Impfungen. Andrerseits mussten wir die Webseite des ELIM kennen lernen. Diese hatte am Anfang noch ein paar Kinderkrankheiten. Ich hatte die Möglichkeit, meine Wünsche bei der Weiterentwicklung anzubringen und nun besteht eine sehr intuitiv gestaltete Seite, die den Workflow für die MPA und den Arzt wunderbar unterstützt.

Frau T: Einige Impfungen waren im Impfbuch nicht vom Arzt unterschrieben oder hatten keinen Stempel. So war es schwierig für uns einzuschätzen, ob die Impfung gemacht wurde oder nicht. Es gab auch sehr alte Impfbücher, bei denen die Einträge unleserlich waren. Solche Fälle waren eher selten, aber die kamen auch vor.

Gab es unerwartete Überraschungen?

Dr. B: Ich habe analysiert, wie viele Impfungen ich vor und wie viele Impfungen ich nach Einführung des ELIM verabreicht habe. Der Impfstoffverbrauch hat sich je nach Impfung um den Faktor 2 bis 41 erhöht! Der jährliche Bruttoertrag aus den Impfstoffen hat sich im ersten Jahr nach der Einführung des ELIM um den Faktor 7.5, im zweiten Jahr um den Faktor 5.4 und im dritten Jahr um den Faktor 2.7 vervielfacht. Ich bin davon ausgegangen, dass ich auch vor dem ELIM «richtig» geimpft hatte, musste aber mit Erstaunen feststellen, dass die Lücken auch in meiner Praxis sehr gross waren.

Wie steht der Aufwand im Verhältnis zum Ertrag?

Dr. B: Der Aufwand lohnt sich für alle Beteiligten, vor allem natürlich für die Patienten. Diese sind nun alle durchgeimpft und gegen vermeidbare Krankheiten geschützt. Das Team um Frau Tsianakas hat im Verlauf eine sehr hohe Kompetenz beim Impfen erworben. Dies konnten sie auch sehr gut gegenüber den Patienten vermitteln. Für den Arzt lohnt es sich neben dem finanziellen Ertrag auch in Bezug auf die Wahrnehmung durch den Patienten: Der Aufwand wird geschätzt und der Arzt wird als kompetent wahrgenommen. Er entwickelt sich so zum eigentlichen «Impfprofi».

Frau T: Der Aufwand ist zu Beginn gross, aber man sieht sehr schnell Fortschritte. Man muss einfach dranbleiben und alle müssen mitziehen.

Stösst der ELIM auch beim Patienten auf Akzeptanz?

Dr. B: Ich kann mich an weniger als ein Dutzend Patienten erinnern, die den ELIM nicht wollten, alle anderen waren dankbar, dass ihr Impfstatus nun wieder à jour ist!

Frau T: Ja, bei sehr vielen Patienten ist es positiv angekommen. Viele waren begeistert davon und waren motiviert, ihr Impfbuch zu suchen und mitzubringen. Es gab auch Patienten, die keine Interesse daran hatten. Das war eher die ältere Altersklasse, die keine grossen Reisen mehr planten.

Können Sie ein konretes Beispiel aus dem Alltag nennen, wo Arzt und/oder Patient froh um den ELIM waren?

Dr. B: Mithilfe des ELIM weiss ich immer, wann die nächste Impfung nötig ist. Das erspart mir ein mühsames Hervorkramen des Impfbüchleins. Anrufe aus der Notfallstation des Spitals, wann die letzte Starrkrampfimpfung erfolgt sei, kann die MPA innerhalb weniger Sekunden beantworten, ohne die Krankengeschichte hervorholen zu müssen. Aber auch auf den einzelnen Patienten individualisierte Empfehlungen für die bevorstehende Reise können innerhalb weniger Clicks im ELIM abgefragt werden. Das schätzen die Patienten enorm. Einige Patienten kommen sogar schon mit dem Impfplan in die Praxis, nachdem sie selbst in ihrem ELIM die Reisedestination eingegeben haben!

Frau T: Ich habe ein aktuelles Beispiel: Meine Freundin ging nach Thailand in die Ferien und wurde von einem Insekt gestochen, was sehr starke Reaktionen auslöste. Im Spital wurde sie nach ihren aktuellen Impfungen gefragt, was sie leider nicht auswendig wusste. Hätte sie das elektronische Impfbuch gehabt, wäre das kein Problem gewesen. Heutzutage, wo man überall WLAN hat, kommt man schnell zu diesen Daten. Sonst kann man es immer noch zu Hause ausdrucken, kleinfalten und in den Pass reinlegen.

Ihr persönliches Fazit?

Dr. B: Ich würde den ELIM nie mehr hergeben wollen!

Frau T: Ich persönlich finde es ein tolles Projekt. Wir waren in der Praxis alle sehr motiviert, weil es eine sinnvolle Sache ist und Impfungen wichtig sind. Mit der Zeit wurde man schneller und der Arbeitsfluss verbesserte sich. Trotz des anfänglichen Mehraufwandes merkte man schnell den Fortschritt, und die Motivation dranzubleiben stieg stetig mit. Auch die positiven Rückmeldungen der Patienten waren erfreulich. Ich kann meineimpfungen.ch jeder Praxis empfehlen.

Welche abschliessenden Tipps können Sie Ihren Kollegen und Kolleginnen mit auf den Weg geben?

Dr. B: Lassen Sie sich nicht durch die anfängliche Hürde abschrecken. Sie werden in kürzester Zeit die Impfdaten eines Patienten in wenigen Minuten erfassen können. Überzeugen Sie Ihren Chef, dass alle Beteiligten davon profitieren!

Frau T: Dranbleiben, die ganze Praxis muss mitziehen.

 

Weitere Auskünfte: olympia.tsianakas@hotmail.com